Martin Kamp, Leiter der Arbeitsgruppe „Arbeit, Aus- und Weiterbildung“ der Plattform Industrie 4.0 und des Berliner Büros der IG Metall Bild vergrößern: Martin Kamp, Leiter der Arbeitsgruppe „Arbeit, Aus- und Weiterbildung“ der Plattform Industrie 4.0 und des Berliner Büros der IG Metall

Martin Kamp, Leiter der Arbeitsgruppe „Arbeit, Aus- und Weiterbildung“ der Plattform Industrie 4.0 und des Berliner Büros der IG Metall

© Martin Kamp (Fotograph: Dieter Düvelmeyer)

1. Frage: Die Sozialpartnerschaft prägt die deutsche Wirtschaft seit Jahrzehnten. Wird sie durch die neuen Formen der Arbeit irrelevant oder wichtiger denn je?

Ich glaube, die Sozialpartnerschaft wird wichtiger. Tischkicker und gratis Club-Mate im Betrieb sind cool. Aber sie ersetzen nicht kodifizierte Rechte, also die Mitbestimmung durch Betriebsräte und Tarifverträge. Die Sozialpartnerschaft hat für gute Arbeitsbedingungen und einen hohen Lebensstandard der Beschäftigten gesorgt – und zum Erfolg der deutschen Industrie beigetragen. Das hat sich nicht zuletzt in der Wirtschafts- und Finanzkrise gezeigt. Gerade wegen der digitalen Transformation ist Beteiligung wichtig – sonst scheitern die Veränderungsprozesse! Mitbestimmung macht Betroffene zu Beteiligten. Ob es um notwendige Qualifizierung, agile Arbeit oder die Zusammenarbeit mit Robotern geht: Das müssen Arbeitgeber und Beschäftigte gemeinsam gestalten. Auch digitale und agile Arbeit kann und muss gute und gesunde Arbeit sein. Deshalb stammen Sozialpartnerschaft und Arbeitsschutz nicht aus der politischen Mottenkiste, sondern sind hochaktuell. Das gilt erst recht, wenn Arbeit technisch zu jeder Zeit an jedem Ort möglich ist.


2. Frage: Digitalisierung heißt oft auch Internationalisierung. Welche Auswirkungen hat dieser Trend für den Bereich Qualifizierung?

Ja, stimmt, das Internationale spielt eine immer größere Rolle. Aber alle „großen“ Berufe, für die die IG Metall zuständig ist, sind darauf durch deren Aktualisierung gut vorbereitet. Jetzt bräuchten wir eine große Anstrengung bei der Weiterbildung und Unterstützung des Ausbildungspersonals, um die neuen Ausbildungsinhalte gut und schnell umzusetzen. Die Bundesregierung unternimmt gerade größere Anstrengungen, um Auslandsaufenthalte im Rahmen der Erstausbildung zu fördern. Wo das Sinn macht, unterstützen wir das natürlich. Die Schulpolitik ist trotz Lockerung des Kooperationsverbots bei uns Länderhoheit – da stellt sich die Frage, ob das noch in Zeit passt! Mit dem Bologna-Prozess im akademischen Bereich sowie dem Deutschen bzw. Europäischen Qualifikationsrahmen gibt es Instrumente, um Ausbildungen und Abschlüsse zumindest in der Europäischen Union vergleichbar zu machen. Hier brauchen wir einen rechtlich abgesicherten Status, damit der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) auch echte Wirkung zeigen kann. Bund und Länder haben zudem Gesetze zur Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen erlassen. In der Praxis hapert es aber bei der Umsetzung. Das gerade beschlossene Fachkräftezuwanderungsgesetz verstärkt den Druck, eine schnelle und praxistaugliche Anerkennung zu organisieren. Mit der Arbeitsgruppe „Arbeit, Aus- und Weiterbildung“ möchte ich in den kommenden Monaten gern in internationale Unternehmen hineinschauen. Und dabei der Frage nachgehen, wie die Unternehmen mit den Qualifikationen der Beschäftigten aus unterschiedlichen Ländern umgehen und sie vergleichbar machen.


3. Frage: Wie bleiben Sie selbst auf dem neusten Stand? Und welche Erfahrungen und Tipps zu Bildung geben Sie Ihren Kindern mit auf den Weg?

Vor einiger Zeit wollte ich mich beim Institut francais zum Einstufungstest für einen Französischkurs anmelden. Ich wollte höflich sein und habe meine Nachricht auf Deutsch formuliert, durch den Google Übersetzer geschickt und anschließend auf Französisch ans Institut gemailt. Die Antwort kam prompt: Die Mail zeige, wie exzellent meine Französischkenntnisse seien, der Test sei nicht mehr nötig. Da habe ich erst gemerkt, was der Übersetzer oder DeepL inzwischen können. Also: Die Praxis und Lernen am Arbeitsplatz bringen mich auf den neuesten Stand. Natürlich lese ich auch viel und besuche Seminare. Am meisten lerne ich über die Veränderungen in der Arbeitswelt aber, wenn ich in Betriebe hineingehe und mit Beschäftigten und Betriebsräten spreche. Auch von meinen 13 und 15 Jahre alten Kindern lerne ich viel – zum Beispiel, dass es oft mehr Sinn macht, ein Youtube-Tutorial zu schauen, anstatt zum Fachbuch zu greifen. Andererseits gebe ich meinen Kindern mit auf den Weg: Setzt nicht nur auf die Technik, sondern soziale Kompetenzen und emotionale Intelligenz sind genauso wichtig. Und lest ab und zu ein gutes, belletristisches Buch.