Datum: 1.7.2015
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ): Herr Minister, für Industrie 4.0, also die Vernetzung der Produktion, brauchen wir Internetplattformen und Chips. Beides wird vor allem in den USA produziert. Macht uns Industrie 4.0 langfristig auch auf dem letzten starken Feld, der produzierenden Industrie, von amerikanischen Zulieferern abhängig?
Sigmar Gabriel: Digitalisierung prägt bereits heute die Art, wie wir leben, arbeiten, kommunizieren - und wird es künftig noch stärker tun. Die digitale Transformation ist eine der zentralen Gestaltungsaufgaben der nächsten Jahre und gerade für Deutschland als Produktionsstandort ein entscheidendes Zukunftsthema. Wichtige Grundlagen für den Wettlauf um die Produkte und die Märkte von morgen werden bereits jetzt gelegt. Wir wollen Deutschland als digitales Wachstumsland Nr. 1 in Europa etablieren und eine Führungsrolle bei einer konsequenten, vertrauenswürdigen und sicheren Digitalisierung von Wirtschaften, Leben und Arbeiten einnehmen. Hinter dem Konzept Industrie 4.0 stecken große Chancen für innovative Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle. Dabei geht es um mehr als Chipherstellung. Unternehmen sind quer durch alle Branchen und in ihrer gesamten Wertschöpfungskette betroffen: Von der Entwicklung über die Produktion bis hin zum Vertrieb. Es geht damit gerade auch um die effiziente Anwendung neuer Technologien in Produktionsprozessen und in industrieller Anwendung. Deutschland ist hier führend: Im europäischen Vergleich hat die deutsche Industrie mit 22 % Anteil an der Bruttowertschöpfung eine starke Position.15 Millionen Arbeitsplätze hängen in Deutschland direkt oder indirekt von der industriellen Produktion ab. Unsere Industrie hält in vielen Feldern die Spitzenposition, unterstützt durch hervorragende industrielle Forschung. Die Industrie bildet das Herz der deutschen Wirtschaft. Doch wie können wir auch in Zukunft punkten? Die Antwort liegt nicht im Kopieren großer globaler IT-Unternehmen, sondern in der konsequenten Nutzung der Chancen der IT in Verbindung mit unseren traditionellen Stärken, wie der industriellen Produktion.
FAZ: Was kann die Bundesregierung tun, um eine europäische Chipindustrie und europäische Internetplattformen zu fördern?
Gabriel: Die Mikroelektronik ist ganz klar eine zentrale Schlüsseltechnologie für die Umsetzung von Industrie 4.0. Und sie ist zugleich eine sehr forschungs- und investitionsintensive Industrie. Wenn wir also bei der intelligenten Produktion technologisch führend bleiben wollen und Mikroelektronik-Kompetenz in Deutschland und in Europa wollen, brauchen wir aus meiner Sicht drei Dinge: Wir müssen erstens Innovationspartnerschaften der Chipindustrie mit Anwendern im Maschinen- und Anlagenbau stärken. Zweitens sollten wir die Förderung von Forschung und Innovation strategisch weiter vorantreiben und drittens brauchen wir konkurrenzfähige Rahmenbedingungen, damit Investitionen tatsächlich getätigt werden. Die Politik unterstützt den Prozess der digitalen Transformation aktiv. Mit der digitalen Agenda und den Plattformen des Nationalen IT-Gipfels haben wir einen Dialog- und Handlungsrahmen geschaffen, in dem alle Akteure Lösungen entwickeln und umsetzen können.
FAZ: Industrie 4.0 bedeutet Kommunikation zwischen Maschinen und von Maschinen mit Werkstücken. Wo bleibt der Mensch? Wie wird sich Industrie 4.0 auf die Arbeitswelt auswirken?
Gabriel: Die Digitalisierung wirkt sich natürlich massiv auf die Arbeitswelt aus. Wir diskutieren häufig, dass bestehende Arbeitsplätze bedroht seien. Viel seltener reden wir über die Chancen und darüber, welche neuen Geschäftsmodelle, Berufsbilder und Arbeitsformen mit vielen neuen Beschäftigungsmöglichkeiten für vorwiegend gut ausgebildete Arbeitnehmer durch digitale Technologien entstehen. Industrie-Arbeitsplätze werden komplexer und anspruchsvoller, Fachwissen und Qualifikation dadurch immer wichtiger und Facharbeiter immer stärker zu Entscheidungsträgern. Hier müssen die Unternehmen frühzeitig ansetzen. Es gilt, die Unternehmensstrategie konsequent auf die digitale Welt auszurichten. Aus- und Weiterbildung werden noch wichtiger sein als sie es heute schon sind..
FAZ: Sind die Schulen nicht zu schlecht ausgerüstet, um junge Menschen auf die moderne Arbeitswelt vorzubereiten?
Gabriel: Schulen allein werden diese Aufgabe nicht stemmen können. Dazu brauchen wir die Kooperation mit der Industrie und den Unternehmen. In Deutschland gibt es das System der dualen Berufsausbildung, für das uns die halbe Welt bewundert. Das kommt uns gerade bei diesem Thema sehr zu gute, denn der praktische Teil der Lehre findet in den Betrieben statt und die Ausbildungsunternehmen sind gut ausgerüstet und immer am Puls der Zeit. Daneben ist es zentral, dass die Inhalte der Berufsausbildung zügig an Veränderungen angepasst werden.
FAZ: Sind Schulen hinreichend mit Elektronik und auch mit IT-Experten ausgestattet?
Gabriel: Die Qualität der Ausrüstung in Schulen und die Fortbildung von Lehrpersonal sind Ländersache und von Land zu Land und wahrscheinlich sogar von Schule zu Schule unterschiedlich. Natürlich muss es aber unser Ziel sein, dass auch Schulen für die zunehmende Digitalisierung gewappnet sind, bei der Ausstattung mit Elektronik, ebenso wie bei der Qualität der Lehre. Programmiersprachen müssen ebenso selbstverständlicher Unterrichtsstoff werden, wie es Fremdsprachen heute glücklicherweise bereits sind. Denn das wird für jetzige Schülergenerationen später Karrierechancen bestimmen und Arbeitsalltag sein. Ich bin ein großer Fan der dualen Ausbildung und bin immer wieder begeistert, was für tolle Modelle an einzelnen Berufsschulen entwickelt werden.
FAZ: Die Industrie fordert eine steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung. In wieweit können Sie der Industrie in dieser Richtung Hoffnung machen?
Gabriel: Wir haben in Deutschland eine hervorragende industrielle Forschung. Der Forschungs- und Innovationsstandort Deutschland genießt weltweit einen exzellenten Ruf und das völlig zu Recht. Die Wirtschaft forscht jährlich für ca. 54 Mrd. Euro und auch die Bundesregierung hat die Förderung von Forschung und Entwicklung in den letzten 10 Jahren von 9 Mrd. Euro im Jahre 2005 auf nahezu 15 Mrd. Euro in 2015 erhöht. Ich bin immer dafür, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Aber wir müssen natürlich auch sehen, dass wir keine Regelungen einführen dürfen, die nur zu neuen Mitnahmeeffekten führt.
FAZ: Seit wenigen Wochen gibt es unter Ihrer Obhut eine Geschäftsstelle "Plattform Industrie 4.0" in Berlin. Was sind die ersten konkreten Maßnahmen dieser Plattform?
Gabriel: Die Geschäftsstelle ist sozusagen der operative Teil der Plattform Industrie 4.0, mit der wir im Schulterschluss mit Industrie, Wissenschaft, Gewerkschaft und Politik Herausforderungen im Kontext von Industrie 4.0 identifizieren und Lösungen gestalten wollen. Die Wirtschaft ist aktiv mit dabei: In kurzer Zeit ist es gelungen, branchenübergreifend bereits 50 Unternehmen einzubinden. In gemeinsam definierten Bereichen, z.B. Standardisierung, Sicherheit oder Arbeitswelt, sollen Test- und Anwendungsfälle initiiert werden, die insbesondere dem Mittelstand Zugang zu neuen Technologien und Industrieprozessen eröffnen sollen. Die Geschäftsstelle ist erster Ansprechpartner und Anlaufort für entsprechende Informationen und Aktivitäten.
FAZ: Wo sehen Sie die deutsche Industrie auf dem Weg zu Industrie 4.0 im Vergleich zu den Mitbewerbern aus den Vereinigten Staaten oder China?
Gabriel: Wir müssen uns weder vor chinesischen, noch amerikanischen Entwicklungen verstecken. Die deutsche Industrie bringt hervorragende Voraussetzungen mit, den digitalen Wandel für sich zu nutzen: Weltweit einmalige Erfahrungen in Produktionsprozessen von wissensintensiven Produkten, ein hohes Ausbildungsniveau im akademischen, wie auch nichtakademischen Bereich und eine hervorragende Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft. Digitalisierung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir im gemeinsamen Schulterschluss aller relevanten Akteure gestalten wollen. Wir denken dabei an alle Unternehmen - von den Global Playern in Deutschland über die "hidden champions" im Mittelstand bis zum Handwerker, aber auch an Universitäten, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Akteuren, die wir gezielt einbinden.
FAZ: Wann gibt es die erste voll vernetzte Fabrik in Deutschland?
Gabriel: Der Prozess Industrie 4.0 ist bei unseren Unternehmen bereits im vollen Gang. Im Kern geht es um die konsequente Fortsetzung der Automatisierungstechnologie. Lagen bisher Fertigungsinformationen singulär und isoliert vor, geht es jetzt um Vernetzung der Produktion, nachhaltige Speicherung und übergreifende Analyse dieser Daten. Kurzum es geht um digitale Systemlösungen und die werden heute bereits in vielen Branchen erfolgreich angewendet. Intelligente Lagersysteme oder eine vollautomatisierte Prozesssteuerung sind in vielen Unternehmen seit Jahren Realität. Deutlich wird dabei aber auch: Wesentlich und neu ist die digitale Vernetzung über Werks- und Unternehmensgrenzen hinweg. Es geht also nicht nur um die voll vernetzte Fabrik, sondern um voll vernetzte Wertschöpfungsketten. Denn genau hier stecken Wachstumspotential und neue Geschäftskonzepte. Um hier erfolgreich zu sein, braucht es branchenweit einheitliche Standards und Sicherheitslösungen. Hier wollen wir mit der Plattform Lösungswege erarbeiten.
Quelle: www.faz.net, vom 01.07.2015